Artikel mit dem Tag "märz"
Wettermässig endete die Durchquerung der Meseta so wie sie vor zwölf Tagesetappen begonnen hatte: mit Regen. Anders als damals hielt er heute jedoch den ganzen Tag an. Eigentlich hätte ich mein Ziel in wenigen Stunden erreichen können. Aber der direkte Weg hatte den Makel, dass er der Wasserscheide den Rücken kehrte. Lieber zog ich also in einem weit ausholenden Bogen durch wolkenverhangene Landschaft, über lehmige Böden und eine verkehrsreiche Schnellstrasse um das Becken von Chillarón herum.
Nochmals ein strahlend sonniger Morgen, aber der langen Strassenwanderung sah ich mit verhaltenem Frohmut entgegen. Durch ein langgezogenes Flusstal führte sie – sanft, aber stetig ansteigend – auf die Cabrejas-Höhen hinauf, wo wieder einmal die Wasserscheide berührt wurde. Zum Glück blieb der Verkehr sonntäglich-spärlich, und streckenweise konnte man auf der andern Talseite wandern und sich an gelbem Ginster und blau blühendem Rosmarin erfreuen. Gegen Abend nahm die Bewölkung zu.
Der Tag begann mit einem kurzen Aufstieg – dem ersten seit Tagen. Sogleich setzte sich der Weg aber wieder flach fort – einfach eine Etage höher als zuvor. Ein wunderschönes, karges Plateau, das sich im Übergangsgebiet zwischen der Mancha und dem Hügelgebiet der Alcarria erhebt und auf dessen Boden Kleingehölz und würziges Strauchgewächs wucherte. Kräuter dufteten so würzig, dass das Picknick nach Sterneküche schmeckte. Zuletzt stieg man wieder ab und gelangte in ein Tal.
Alle Bauten, denen wir begegneten, waren Ruinen und erinnerten an vergangene Wirklichkeiten. Die einzige Ausnahme zog sich wie ein endloser Strich quer durch die weite Landschaft: Der Trasvase Tajo-Segura, ein hier als Aquädukt geführter Kanal über die Wasserscheide hinweg zur Bewässerung des trockenen Südostens. Unsern Weg konnten wir aufgrund umgekippter oder verdrehter Schilder oft nur erahnen. «Imaginételo» – «Stell es dir vor!» lautete der Name unseres Hotels. In der Tat: Das musste man!
Direkt nach dem Start stiessen wir auf einen Fernwanderweg, der die Route nachzeichnete, über die in römischer Zeit unter anderem Glaskristalle aus iberischen Bergwerken an die Küste transportiert worden waren. Wir folgten dieser «Route des Glases von Hispanien» in entgegengesetzter Richtung – und hatten das Glück, alsbald auf einen vom Meer kommenden, gleichgesinnten Wind zu treffen, der uns gut zwanzig Kilometer weit durch flaches und nahezu unbesiedeltes Gelände nach Nordwesten trieb.
Ein paar Monate später: Ähnliche, langwellig-flache Ackerlandschaft, nur diesmal in helleren Farben: zartes Grün setzt den Grundton unter einem weiten, milchig-blauen Himmel. Auf langen, kurvenarmen Strassen und Feldwegen ziehen wir zu zweit – wie Don Quijote und Sancho Panzo, wenn auch ohne Pferd und Esel – einem fernen, vom Wind diesigen Horizont entgegen. Dass wir keinen Abenteuern begegnen, ist uns (anders als den beiden literarischen Vorreitern) ganz Recht.